Trauer ohne das Gefühl, krank zu sein

Am Anfang steht ein Anruf. Dessen Inhalt sind ein Ein- satzort und ein Stichwort, um was es geht. Denn es muss schnell gehen. Was genau passiert ist, ist trotzdem nicht ganz klar, der Anlass aber immer ähnlich. Welcher Art der Anlass ist, zeigt sich anhand der Stichwör- ter: „Häusliche Gewalt“, „Suizid“, „schwerer Verkehrsunfall“. Dennoch sind es Dinge, mit denen sich die Mitglieder des Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes in etwa vorbereiten sollen, was sie am Einsatzort erwartet.

Seit fünf Jahren gibt es die Einsatztruppe, die an das Unterallgäuer Rote Kreuz angeschlossen ist, als eigenes Team. Ihre Aufgabe fängt da an, wo es aus medizinischer Sicht schon zu spät ist: Wenn die Arbeit der Rettungskräfte aufhört und der Tod eines oder mehrerer Menschen steht. Das Team, das derzeit aus sechs ehrenamtlichen Personen besteht, soll sich bei besonders schweren Unglücken um die Hinterbliebenen kümmern. Dazu gehört, ihnen die Nachricht zu überbringen und ihnen dabei zu helfen, einen Weg aus der Fassungslosigkeit und dem Schock zu bahnen. Damit das beginnen kann, was heute mittlerweile zum Tabu geworden ist: die Trauer, die Beschäftigung mit dem Tod.

Dieter Seiferth ist einer der Teammitglieder. Als Ziel seiner Arbeit als – so der offizielle Titel – Kriseninterventionshelfer könne nicht sein, eine kurzfristige Beschwichtigung zu leisten, im Gegenteil: „Unsere Arbeit soll dabei helfen, dass der Betroffene trauern kann. Wir wollen den Menschen aus dieser völligen Taubheit nach einem Todesfall wieder herausholen.“

Dabei hilft die Sprache nur bedingt dabei, das auszustehen, für das es keine Worte gibt. „Wichtig ist es, für die Menschen da zu sein“, sagt Teamleiter Rolf Mauer. Denn was wichtig ist – den Angehörigen des Toten bei seiner Reaktion zu helfen, zeigen die Betroffenen selbst. So komisch es klingt: Man werde von den Angehörigen durch einen Einsatz geführt, sagt Heike Waigel, die Jüngste des Teams. Was in der jeweiligen Situation wichtig ist, komme auf die Situation der Hinterbliebenen an. Oft ist es einfach nur das Schweigen. Schweigen gegenüber dem Weinen, dem Schreien, gegenüber der totalen Fassungslosigkeit, vor dem Tod. Das müsse man aushalten. Was immer gefordert ist, ist das schiere Dasein, das Investieren von Gefühlen.

„Wir haben es mit normalen Menschen in unnormalen Situationen zu tun. Wir müssen dafür sorgen, dass sie Leute das tun können, was in dieser Situation natürlich ist: zu trauern“, sagt Seiferth. Erst, wenn die Betroffenen ihre Trauer annehmen, trete etwas Natürliches ein: die Verarbeitung der Geschehnisse, das Begreifen des Verlustes. Eben das sei schwierig geworden in einer Gesellschaft, die sich durch den Leistungsdruck definiert und in der man sich keine langen Pausen nehmen kann, um sich zur Trauer zurückziehen zu können.

Wie unnatürlich die Reaktionen auf den Tod eines geliebten Menschen sein können, wie stark die menschlichen Verdrängungskräfte sein können, hat fast jeder im Team schon einmal erfahren. Wenn geistig völlig gesunde Frauen den Krisen- helfer nach ein paar Stunden auffordern, zu gehen – schließlich müssen sie noch das Abendessen für ihren Mann zubereiten. Dass die Person mit der BRK-Jacke deswegen da ist, weil ihr Mann seit einigen Stunden tot ist, scheint vergessen. Ebenso wie die Arbeit des Krisenhelfers, die in diesem Moment von Neuem beginnen muss.

Und die aufhören muss, wenn es sein muss. Gefühle zu investieren, sei richtig und gewissermaßen die Grundlage dafür, den Job gut machen zu können, sagt Rolf Mauer. Trotzdem: „Wir müssen mitfühlen, wir dürfen aber nicht mitleiden.“ Ein in Tränen aufgelöster Krisenhelfer hilft genauso wenig wie einer, der die Ereignisse des Einsatzes, das Erleben des Gefühlschaos, das Erleben von Extremsituationen mit ins Bett nimmt.

Wer die Toten wieder lebendig machen will, kann daran zerbrechen. Es sind andere Erfolgserlebnisse, die das Kriseninterventionsteam mit nach Hause nimmt. Wenn ein Betroffener sich von einem toten Angehörigen verabschieden kann. Wenn das Gefühl da ist, dem anderen geholfen zu haben. „Es tut gut, am Ende eines Einsatzes die Dankbarkeit dafür zu spüren“, sagt Susanne Rauh. „Die Trauer verläuft in Spiralformen“, ergänzt Dieter Seiferth. „Wir wollen daraus keine Gerade machen, sondern den Weg zur Spirale zu zeigen.“

Mindelheimer Zeitung, 30.10.2010 - www.mindelheimer-zeitung.de

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